Lieblingsmenschen

Sehr oft mache ich mir Gedanken über Freundschaft. Vor allem dann, wenn ich mal wieder nicht in der Lage war, eine zu halten. Noch vor wenigen Jahren sind mir immer wieder Freundschaften abhanden gekommen und ich wusste nicht, wieso. Heute versteh ich das Konstrukt „Freundschaft“ zwar noch immer nicht in all seinen Facetten, aber auch ich lerne dazu und mein Verständnis dafür wächst…. langsam, aber stetig.

Ich hab leider festgestellt, dass oftmals ich selbst diejenige war, die ihre Freunde vertrieben hat. Ich kann den (unausgesprochenen) Bedürfnissen meiner Mitmenschen nur sehr selten gerecht werden.

Da ist zum einen die bereits beschriebene Unfähigkeit zu affektiver Empathie. Alleine das trägt ja schon verdammt schwer. Klar logisch haben meine Freunde das Gefühl, sie interessieren mich nicht, wenn ich nicht mal erkennen kann, wie es ihnen geht.

Zum zweiten bin ich mir nie sicher, ob sich jemand gerade gerne mit mir unterhält oder dies nur tut, weil es die Höflichkeit eben so verlangt. Wenn ich mal in Fahrt bin, kann ich jemandem schon mal eine (O-Ton eines Lieblingsmenschen) Frikadelle ans Ohr quatschen.

Auch weiß ich von anderen, dass telefonieren ohne erkennbaren Anlass extrem wichtig ist. Mich verunsichert das sehr und es kostet sehr viel Überwindung. Das liegt NICHT an den Angerufenen, sondern einfach an der Situation an sich. Telefonate, gerade solchen, ohne erkennbaren Anlass, sind nicht planbar und emotionen erkennen funktioniert noch schlechter als mit dazugehörigem Gesicht. Muss ich mit einer Behörde telefonieren, hab ich gedanklich alles mehrfach durchgespielt und dennoch dauert es manchmal Wochen, bis ich in der Lage dazu bin. Gerade deshalb fällt mir letzteres oft wesentlich leichter. Bei der Gelegenheit möcht ich den Erfindern von E-Mail und Messengern meine ehrliche Dankbarkeit aussprechen.

Was für mich selbst immer sofort eine Freundschschaft infrage stellt ist, wenn ich das Gefühl habe, nicht Ernst genommen zu werden und mir jemand erzählen will, was ich empfinde und wahrnehme. Glücklicherweise gibt es auch Menschen, die dies nie getan haben. Da ich weiß, dass einige wenige meiner Lieblingsmenschen hier mitlesen….DANKE, dass es euch gibt und ihr meine Freunde seid, OBWOHL ihr mich kennt.

Vielleicht sollte ich auch nicht unerwähnt lassen, dass ich ein sehr pedantischer, prinzipientreuer und rechthaberischer Mensch bin, dem es oft schwer fällt, seine Impulse zu kontrollieren. Ich geb mir Mühe, aber leider klappt es nicht immer, diesen Charakterzug einzubremsen. Allerdings finde ich, dass es seit der Erkenntnis langsam besser wird.

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3 Kommentare zu „Lieblingsmenschen

  1. Lustigerweise funktioniert das bei mir am Telefon ohne Gesicht alles VIEL besser, weil ich viel mehr auf den Input konzentriert bin, den ich bekomme. Ich weiß noch, dass im Studium, als wir mal zu einer Projektarbeit verdonnert wurden, und ich es einfach nicht geschafft habe, auf dem Stand der Diskussion zu bleiben, eine Kommilitonin sagte: „Johanna, du gehst jetzt mal bitte in den Nebenraum und dann ruf ich dich an…“ War lustig, ging aber gleich viel besser…
    Ich unterscheide für mich zwischen Freundschaften mit Leuten aus dem Spektrum und Freundschaften mit NTs. Das ist für mich nicht vergleichbar. Es gibt sehr wenige NTs, die ich als Freunde bezeichnen würde. Da habe ich für mein Gefühl auch kritische Masse erreicht, und es ist kein Platz für weitere.
    Themengebundene Bekannte, mit denen man sich nur zu einem bestimmten Bereich austauscht oder zu einem bestimmten Zweck trifft (Reenactment, Reiten…) habe ich schon, aber die sind, böse wie es klingt, austauschbar.
    Ein paar spezielle Menschen habe ich in meinem Leben, die weder Freunde, noch Bekannte, noch Familie sind… einfach in keine bestehende Kategorie passen aber dennoch da sind, und da meinetwegen auch gerne bleiben können…
    Allerdings bin ich sehr rigoros, was „Dealbreaker“ betrifft, also Dinge, nach denen ein Fortsetzen des Kontakts für mich nicht mehr tragbar ist.

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    1. Diese Dealbreaker kenn ich und bin da dann auch rigoros. Selbst wenn ich wollte, könnte ich mich rein vom Gefühl auch nicht mehr auf diese einlassen. Dazu gehören eben auch solche, die mich nicht ernst nehmen und mir einreden möchten, dass ich mich nur nicht so anstellen soll. Aber es war ein langer Prozess. Lange hab ich geglaubt, dass die Menschen um mich rum, damit recht haben.

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