Die Sache mit der Empathie…

… ist etwas anders als uns die Klischees gerne weis machen wollen.

Man unterscheidet zwischen affektiver und kognitiver/emotionaler Empathie.

Erstere beschreibt die Fähigkeit, bzw den Instinkt zu erahnen, welche Gefühlsregung gerade im Gegenüber stattfindet. Dies funktioniert normalerweise ganz automatisch und ohne dass bewusst auf Mimik, Ton und Gestik geachtet wird. Es ist ein Impuls (warscheinlich ist ein fehlendes Spiegelneuron verantwortlich) der scheinbar ganz vielen Autisten fehlt. Manche schaffen es zwar, dies sehr mühsam zu lernen, aber es wird wohl immer ein manueller Prozess bleiben, der dann auch sehr viel der ohnehin schon dürftig vorhandenen Energie kostet. Ich stell mir das etwa wie das Vokabellernen bei jemandem vor, der kein übermäßiges Sprachtalent hat.

 

Anders die kognitive Empathie. Es ist die Fähigkeit, sich in andere hinein zu versetzen und mitzufühlen. Momentan geht man davon aus, dass diese bei Autisten sogar überverhältnismäßig ausgeprägt ist. Die Herrausvorderung hier ist also eher, erst einmal herrauszufinden, was oder wie der Gegenüber fühlt. Wissen Autisten dies erstmal, sind sie meist sogar sehr emphatisch. Deshalb ist eine klare und eindeutige Kommunikation immens wichtig. Zweideutige Aussagen oder die Erwartungen, dass zwischen den Zeilen gelesen wird, enden oft mit einer Entäuschung für den NT, wenn dieser hofft, verstanden zu werden.

 

…..mich selbst betreffend:

Mir fällt es sehr schwer Empfindungen, Emotionen und Motive bei anderen Menschen zu erkennen und dann auch noch richtig einzuordnen. Jetzt könnten nahestehende Menschen einwerfen: „Aber du kennst mich doch schon so lange und gut, dass du es wissen müsstest“……. Ein klares Nein! So gut kenn ich mich meist selbst nichtmal  😉

Ich erkenne die Gefühle und Bedürfnisse meines Gegenüber nur, wenn er mir diese auch ganz klar kommuniziert. Meine affektive Empathie ist also stark eingeschränkt.

Ein Hauptdiagnosekriterium, wie ich heute weiß.

Dies heißt allerdings NICHT, dass ich nicht zu Empathie fähig bin. Im Gegenteil. Meine kognitive Empathie ist sogar so ausgeprägt, dass mich selbst Schicksale von mir weniger nahestehenden Menschen, völlig aus der (inneren) Fassung bringen können. Diesen inneren Zustand dürften allerdings nur die wenigsten bemerken. Ich hab mir sagen lassen, ich wirke sehr kühl, distanziert oder sogar unfreundlich. Dies ist im Normalfall nicht meine Absicht. Meine persönliche definition wäre hier „neutral“.

Bedenke also bitte, wenn du mich das nächste mal für arrogant oder ähnlich hältst, dass dies nur die äussere Sicht auf mich ist.

 

Empathie ist übrigens nicht zu verwechseln mit Sympathie oder Mitleid.

Das mit der Symphatie läuft nämlich sogar recht „normal“…….. (ok, vielleicht sind wir manchmal etwas naiver 😀 )

 

…..und die Sache mit dem Mitleid?

nunja, ich persönlich bin der Auffassung, dass Mitleid den Menschen nicht hilft. Eher im Gegenteil. Es hält sie in einer gewissen Opferrolle und diese finde ich nicht zielführend. Was keinesfalls heißen soll, dass ich nicht mitfühle, das tu ich sehr wohl! Aber meine Intention in dem Fall ist dann doch eher „lösungsorientiert“.

Wirkt auf den ersten Blick natürlich wesentlich kühler, als wenn man jemanden offensichtlich bemittleidet. Soll es aber nicht sein. Mein primäres Ziel ist eher…. wenn möglich, dem Menschen aus dieser für ihn schlechten Situation, herrauszuhelfen.

 

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10 Kommentare zu „Die Sache mit der Empathie…

  1. Ich kann das erste am Standbild (Foto, etc.) sogar recht gut… weil ich mir dann die Körperhaltung, Gesichtsausdrücke usw. im „Ganzen“ anschauen kann. Am bewegten Menschen kann ich es gar nicht, weil ich nie das Gesamtbild wahrnehmen kann, und die Ausschnitte, die ich aufnehme, nicht logisch zusammenpassen (da sich Ausdruck, Haltung usw. in der Regel ständig verändern).

    Mitleid finde ich etwas ganz schreckliches, das keinem hilft, in keiner Weise zielführend ist, und am ehesten noch bei der Lösung stört…

    Ja, als „lösungsorientiert“ würde ich mich auch bezeichnen, das Wort gefällt mir. Wir haben in der Familie aber gerade deswegen schon lange eingeführt, dass wir als erstes Ankündigen: „Ich will nur schimpfen“ (Ich bin nicht an einem Lösungsvorschlag/Hilfe interessiert, sondern muss nur eben meinen Kopf etwas freikriegen, indem ich ausspreche, was mich beschäftigt), „Ich suche eine Lösung“ (Vorschläge willkommen) oder „Kannst du mal/da helfen?“ (aktives Eingreifen erwünscht).

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    1. Wie schon so oft, kann ich eindeutig noch vieles von dir lernen 😀
      Die Idee werd ich beim „runden Tisch“ einbringen.
      Wenn ich übrigens genau überleg, stimmts….. wenn, dann ist es mir am ehesten auf Bildern möglich, eine Emotion zumindest zu erahnen. Wobei ich auch hier, keine Gewähr geben würde.

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      1. Naja, was heißt da „von mir“… ich hab‘ das ja nicht erfunden, das kommt schon von meinen Großeltern.

        Ich habe früher relative viel Portraits gezeichnet und in dem Zusammenhang auch Gesichtsausdrücke „am reglosen Objekt“ entsprechend studiert und hatte zwei Jahre klassischen Schauspielunterricht (konnten wir statt Sport ins Abitur einbringen…), wo auch viel Ausdruck studiert und analysiert wurde. Da bleib doch einiges nützliche hängen. Nur leider hilft mir das im Alltag trotzdem nichts, weil ich ja nicht sagen kann „lass mich mal schnell ein Foto von dir machen, damit ich dann am Bild erkennen kann, wie du dich gerade fühlst“ 😉

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  2. Ich bin sehr dankbar dich als Freundin zu haben. Du hast mir mit deinen zielorientierten Lösungsansätzen schon so manch guten Gedankenstoss mit auf den Weg gegeben – vorallem dann, wenn ich mich selbst als Super-Opfer sah und auch noch manchmal sehe in der momentanen Situation.
    Diese Anstöße kann ich von Nicht-Autisten kaum erwarten oder nicht so früh in einer Krise – da da das Mitleid oft noch zu sehr beeinflusst.

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    1. ……die Emotionen. Darüber sollte ich auch mal was schreiben. Wenn ich reflektiert genug dafür bin.

      Da sitzt sie nun, mit Pipi in den Augen. Eigentlich bin ich diejenige, die dankbar ist. Über die wenigen Menschen wie dich, die mich sogar im echten Leben mögen, wie ich bin und nie versuchen, mich zu verändern.

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