Neurodivers und Chaos im Kopf

Oft werde ich gefragt, wieso ich denke, ich könnte Autistin sein.

Nun, dass bei mir etwas anders ist als bei anderen, ist mir schon sehr lange bewusst. Schon als Kind fühlte ich mich immer irgendwie seltsam und unverstanden. Heute weiß ich, dass meine ganze Wahrnehmung in sehr vielen Bereichen anders ist. Einen Namen bekam das ganze aber erst mit der Diagnose meines damals 9 jährigen Sohnes.

Eigentlich sogar noch etwas später. Nämlich, als ich mir erwachsene Autisten suchte, um mir von ihnen ihre Welt erklären zu lassen. Ich stieß auf viele tolle Menschen. Menschen, die fest im Leben stehen, aber auch solche, die kaum in der Lage sind, sich selbst zu versorgen.

Was mich aber am meisten verdutzt hat war, dass dies Menschen waren, die man zuhauf irgendwoher kennt und bei denen man nie Autismus vermutet hätte.

Mein Klischeebild im Kopf war also endlich (glücklicherweise) erschüttert.

Autismus ist weder Rainman, noch Ben X und auch kein Mercury Puzzle. Es ist eine neurologische Diversität.

Diese Männer und Frauen verstanden mich auf Anhieb….. und ich sie. So traute ich mich irgendwann immer mehr Fragen zu stellen, für die mich mein privates Umfeld wahrscheinlich belächelt hätte. Wurde ich von vielen doch ohnehin schon als etwas seltsam, distanziert und kühl wahrgenommen.

So kam es, dass je mehr ich in diese Materie eintauchte, so vieles in meinem Leben plötzlich Sinn ergab. War es doch lange von Mobbing und Unverständnis geprägt. So gab es dann endlich eine Erklärung über das „Warum“.

Das machte es natürlich nicht besser, aber es half mir, Entscheidungen und Ereignisse noch aus anderen Perspektiven zu sehen (mehr oder weniger)

Ich weiß nun, dass Menschen auch auf einer Ebene kommunizieren, die mir gänzlich verschlossen ist. Ich will mal versuchen, es zu erklären. Mir fällt es extrem schwer, Empfindungen, Emotionen, Motive und Gedanken bei jemandem anderen zu erkennen und selbst wenn ich sie erkenne, richtig einzuordnen. Kurz: Ich erkenne die Bedürfnisse meines Gegenübers nur, wenn er mir diese auch mitteilt. Meine affektive Empathie ist also stark eingeschränkt.

Ein Hauptiagnosekriterium, wie ich heute weiß.

Dies heißt allerdings NICHT, dass ich nicht zu Emphatie fähig bin. Im Gegenteil.

Meine kognitive Emphatie ist sogar so ausgeprägt, dass mich selbst Schicksale von mir weniger nahestehenden Menschen, völlig aus der (inneren) Fassung bringen können.

Beitrag veröffentlichen

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s