Neurodivers und Chaos im Kopf

Oft werde ich gefragt, wieso ich denke, ich könnte Autistin sein.

Nun, dass bei mir etwas anders ist als bei anderen, ist mir schon sehr lange bewusst. Schon als Kind fühlte ich mich immer irgendwie seltsam und unverstanden. Heute weiß ich, dass meine ganze Wahrnehmung in sehr vielen Bereichen anders ist. Einen Namen bekam das ganze aber erst mit der Diagnose meines damals 9 jährigen Sohnes.

Eigentlich sogar noch etwas später. Nämlich, als ich mir erwachsene Autisten suchte, um mir von ihnen ihre Welt erklären zu lassen. Ich stieß auf viele tolle Menschen. Menschen, die fest im Leben stehen, aber auch solche, die kaum in der Lage sind, sich selbst zu versorgen.

Was mich aber am meisten verdutzt hat war, dass dies Menschen waren, die man zuhauf irgendwoher kennt und bei denen man nie Autismus vermutet hätte.

Mein Klischeebild im Kopf war also endlich (glücklicherweise) erschüttert.

Autismus ist weder Rainman, noch Ben X und auch kein Mercury Puzzle. Es ist eine neurologische Diversität.

Diese Männer und Frauen verstanden mich auf Anhieb….. und ich sie. So traute ich mich irgendwann immer mehr Fragen zu stellen, für die mich mein privates Umfeld wahrscheinlich belächelt hätte. Wurde ich von vielen doch ohnehin schon als etwas seltsam, distanziert und kühl wahrgenommen.

So kam es, dass je mehr ich in diese Materie eintauchte, so vieles in meinem Leben plötzlich Sinn ergab. War es doch lange von Mobbing und Unverständnis geprägt. So gab es dann endlich eine Erklärung über das „Warum“.

Das machte es natürlich nicht besser, aber es half mir, Entscheidungen und Ereignisse noch aus anderen Perspektiven zu sehen (mehr oder weniger)

Ich weiß nun, dass Menschen auch auf einer Ebene kommunizieren, die mir gänzlich verschlossen ist. Ich will mal versuchen, es zu erklären. Mir fällt es extrem schwer, Empfindungen, Emotionen, Motive und Gedanken bei jemandem anderen zu erkennen und selbst wenn ich sie erkenne, richtig einzuordnen. Kurz: Ich erkenne die Bedürfnisse meines Gegenübers nur, wenn er mir diese auch mitteilt. Meine affektive Empathie ist also stark eingeschränkt.

Ein Hauptiagnosekriterium, wie ich heute weiß.

Dies heißt allerdings NICHT, dass ich nicht zu Emphatie fähig bin. Im Gegenteil.

Meine kognitive Emphatie ist sogar so ausgeprägt, dass mich selbst Schicksale von mir weniger nahestehenden Menschen, völlig aus der (inneren) Fassung bringen können.

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Telefonieren……

………ist diese Tage wieder fast unmöglich. Ich mag es nicht. Eigentlich mochte ich es noch nie. Für mich ist das auch kein Problem, aber das Umfeld erwartet, dass man sich mal wieder meldet. Einfach mal anruft. Manchmal wird man auch angerufen. Das find ich fast noch schwieriger. So unvorbereitet.

Ich weiß, dass diese Art der Kommunikation für viele Menschen sehr wichtig ist. Mir ist es ein Graus. Leider setzen einige meiner Mitmenschen das nicht telefonieren können/wollen, direkt mit einer persönlichen Ablehnung gleich. Dem ist nicht so.

Ich will mal versuchen, es etwas zu erklären.

Wo ich im „Auge zu Auge-Gespräch“ schon echt meine Schwierigkeiten hab, Gesprochenes richtig zu interpretieren (wir erinnern uns, dass ganz viele Menschen eine sehr unklare Ausdrucksweise haben), ist es mir am Telefon fast überhaupt nicht möglich, das Gehörte richtig einzuordnen. Mir fehlt komplett die Mimik und Gestik meines Gegenübers und ich muss dann auch noch in Echtzeit reagieren. Schwer find ich das immer. Allerdings gibt es Zeiten, da find ich das regelrecht unmöglich. Liest sich mit Sicherheit sehr bescheuert, für jemanden, der in der Lage ist, Gespräche intuitiv zu begreifen. Da ich sehr „gut“ kompensiert bin, nimmt man mir meine Schwierigkeiten in sozialen Settings meist auch nicht ab. Ich werd, wenn ich Glück hab, lediglich belächelt, wenn ich mich mal oute. Passiert aber eher selten. Ich oute mich selten….

Meine bevorzugte Kommunikation ist eindeutig das Schreiben und natürlich lesen, oder das direkte Gespräch. Ersteres ermöglicht mir, mich wirklich so auszudrücken, wie ich möchte. Meine Gedanken zu sortieren, bevor sie aus mir raus sprudeln. Das zweite ist natürlich sehr viel persönlicher. Es gibt aber Dinge, die rauben mir regelrecht die Stimme. Diese kann ich nur schreiben. Auch das glaubt mir keiner, denn ich bin eine Quasselstrippe. Ich kann stundenlang reden, ohne was zu sagen. Je mehr ich aber zu sagen hätte, desto weniger bin ich in der Lage, das auch verbal auszudrücken.

Einfacher find ich da schon wieder Anrufe bei Behörden etc. Sicherlich auch kein Hobby, aber mit Grundlage, Ziel und einer klar begrenzten Zeit, wesentlich besser kalkulierbar. Auch finden solche Telefonate auf einer rein sachlichen Ebene statt und es ist nicht notwendig, irgendwo etwas reinzuinterpretieren.

Ein längst überfälliger Schritt.

Heute habe ich einer ehemaligen Freundin einen Entschuldigungsbrief geschrieben, der längst überfällig war.

Als ich mir vor 6 Jahren meiner Besonderheit noch nicht bewusst war, lernte ich eine Frau kennen, wenig jünger als ich. Wir freundeten uns an und stellten fest, dass wir vor vielen Jahren ähnliche, traumatische Erlebnisse zu verarbeiten hatten. Sie zeigte viel Interesse an mir als Mensch und wollte gerne und oft Zeit mit mir verbringen. Unsere Freundschaft erreichte eine emotionale Ebene, mit der ich nicht umgehen konnte und die mich ängstigte.

Bewusst war mir das nicht. Sie spürte aber scheinbar bereits, dass ich innerlich auf Distanz ging und begann vorsichtig um die Freundschaft zu kämpfen. Das hat mich irgendwie wohl noch panischer gemacht. Was mir aber damals so noch nicht klar war. Ich hatte plötzlich tausend Ausreden, wieso ich sie nicht treffen konnte.

Das muss sehr frustrierend für sie gewesen sein…. und natürlich verletztend. Irgendwann gab sie es auf und ich war irgendwie erleichtert.

Als klar wird, dass auch ich dem Autismusspektrum zugehöre, kombiniert mit der mir bereits bekannten ADHS und PTBS, hab ich mich in jüngster Zeit sehr viel mit mir selbst beschäftigt. Reflektiert. Gestaunt. Getrauert. Eine sehr eindrucksvolle Zeit. Ich war endlich bei mir. Ich bin den anderen Autisten unendlich dafür dankbar, dass sie mir halfen, mich selbst zu verstehen. Mir geduldig Zusammenhänge erläuterten. Vor allem aber das Wissen vermittelten, ich bin garnicht falsch….. nur eben anders.

Zurück zum Thema.

Je mehr ich mir meiner selbst bewusst werde, desto mehr tut mir leid, was ich manchen Menschen um mich herum, wohl für schlechte Gefühle vermittelt haben muss. Ganz besonders, kam sie mir sehr oft in den Sinn. Deshalb war es mir ein Anliegen, mich bei ihr zu entschuldigen und ihr zu verstehen zu geben, dass sie wahrscheinlich lange nicht so viel falsch gemacht hat, wie sie glaubte.

Ich schrieb ihr also heute endlich.

Ein Tag wie viele

Manchmal bin ich mir ja wirklich nicht sicher, ob ich lachen oder weinen soll. Da kauft man sich schon eine dieser sündhaft teuren Küchenmaschinen, die quasi alles alleine macht, um sich dann bewusst zu werden, dass einem nicht mal die vor der eigenen Schusseligkeit bewahren kann.

Aber von Anfang: Bolognese sollte es werden. Im Verlauf vom Rezept steht eindeutig, „bitte Garkörbchen als Spritzschutz aufsetzen“. Als ich mich so in meiner Küche umseh, um selbiges zu suchen, fällt mir auf……:“oh, ich hab ja keine Nudeln da“. Ich, los zur Waschküche, in der ich eine Ecke für Vorräte hab, seh ich aus den Augenwinkeln, wie die Waschmaschine blinkt. „Oh“ denk ich, „schon fertig?!“ Zack, Wäschewanne geschnappt, Wäsche raus, zum Trockner………logisch, dass da noch Wäsche drin war. Die raus, neue rein und fang in Seelenruhe an, Wäsche zu legen.

Als es aus der Küche summt, bin ich erst leicht irritiert. Erschrecke. Scheiße, da war was!

Sollte ich vielleicht noch kurz erwähnen, dass ich eine weiße Küche HATTE?! Jetzt ist sie gesprenkelt! Rot! Dass ich natürlich auch keine Nudeln hatte, muss ich wahrscheinlich nicht extra erwähnen….

Ich hätte heulen können. In solchen Momenten komm ich mir so blöd und nutzlos vor. Getrieben von dem Gedanken:“was kannst du überhaupt?“

Mit etwas Abstand, kann ich dann manchmal aber doch noch über sowas lachen…… aber nur manchmal.

Müde

Viel mehr als ein körperlicher, ist es zur Zeit ein geistiger Zustand, der mich fast lähmt.

Wie oft frag ich mich in diesen Tagen, wozu ich eigentlich hier bin. Innerlich ständig den Tränen nahe, außen alles wie immer. Das Gedanken-Karussell dreht sich -immer. Mein Kopf, kurz vor der Explosion. Ich möcht ihn gerne abschalten. Unmöglich. Fluchtgedanken machen sich breit. Doch wohin? Raus aus meinem geschützten Raum? Nein. Raus aus diesem Körper und diesem Kopf? JA!

Immer wieder die Frage an mich selbst, ob ich das wirklich noch 30-40 Jahre so haben will….. haben kann. Vom Gefühl her, reicht die Kraft ja nicht mal für die nächsten Wochen. Ich bin so Müde. Ständig vom Gefühl begleitet, zu versagen. Niemand da, der sieht, wie es dir wirklich geht. Niemand da, der es sehen will. Und selbst wenn. Man soll sich ja nichts einreden. Sich nicht anstellen. Nicht aus ner Mücke einen Elefanten machen. Man hat ja schließlich alles….. was will man mehr.

Also tu ich es wie jeden Tag. Zieh meine Maske wieder an, geh da raus und kämpf weiter.

Konzentration und Wahrnehmung

Beides ist aktuell mal wieder ein Fall für die Tonne. Ich bin dann oft so sauer auf mich selbst. Nicht selten beginne ich Dinge 10, 15 oder gar 20 mal, nur um mich dann von Kleinigkeiten wieder so aus dem Konzept bringen zu lassen, dass mir mein Vorhaben komplett entfällt. Letzte Woche zb. lief ich mindestens 10 mal zum Vorrat um eine Packung Milch zu holen. Was ich natürlich grundsätzlich nicht hatte…. wer errät es? Natürlich! Milch…… Ich hätte heulen können vor Wut auf mich selbst. Bin ich denn wirklich so doof? So unfähig? Ich vergesse einfach alles. Insgesamt bekomm ich gerade nicht viel auf die Reihe. Auch nicht mit meinen vielen, erfolgversprechenden Listen und Post it`s. Damit diese einem nutzen, muss man nämlich erstmal auf die Idee kommen, welche zu erstellen. Ich weiß schon, jeder vergisst mal was, aber SO?! STÄNDIG?!

Ich glaube ja, dass dies aktuell auch ein wenig mit meiner Wahrnehmung zusammenhängt. Ich hab das Gefühl, Reizen noch viel mehr ausgesetzt zu sein, als im Normalfall ohnehin schon. Vor allem die akustischen (hören) und olfaktorischen (riechen) Reize scheinen mich momentan geradezu überrennen zu wollen. Warum ich? Warum bin ich nicht in der Lage, das einfach mal auszublenden? Oder zumindest einfach auszuhalten? Manchmal würde ich mich einfach gern in Luft auflösen. Ich freu mich immer über einige Stunden Schlaf, da gibt der Kopf meist Ruhe… Vielleicht.

Schlafen funktioniert aber halt leider auch nur dann, wenn mein Sohn schläft. Er führt lautstark Monologe, aktuell etwa10-12 Stunden täglich, vorzugsweise nachts. Ich weiß, dass er das braucht, aber ich kann nicht mehr. Ich bin mit meiner Kraft einfach am Ende. Ich bin nicht stolz drauf, aber Freitag auf Samstag wars so schlimm, dass ich ihn nachts angeschriehen hab, das er „jetzt endlich die Fresse halten soll, sonst würde was passieren“….. eigentlich absolut weder mein Wortschatz noch mein Niveau, aber es ist einfach rausgepoltert und war nicht aufzuhalten.

Ich fühl mich gerade so alleine, so wertlos. Es tut mir gut, mir solche Dinge von der Seele zu schreiben, aber wirklich raus komm ich deshalb aus diesem Loch dennoch nicht…. Ich bin gespannt, wie lange es mich diesmal wieder gefangen hält

Theorien, Vorurteile und Klischees

Hier möchte ich gerne mit Klischees und Vorurteilen aufräumen, die mir so im Alltag begegnen. Manche sind vielleicht noch ganz witzig, andere aber lassen mich wiederrum erstmal total sprachlos werden. Ich geh davon aus, dass ich diesen Beitrag regelmäßig ergänzen darf.

 

Frage:

Was ist deine/seine/eure Inselbegabung?

Antwort:

Richtig ist, dass viele Autisten sogenannte Spezialinteressen pflegen und in diesen oft relativ viel Wissen in recht kurzer Zeit ansammeln können.

Eine Inselbegabung ist aber nochmal eine ganz andere Größe und Teil des Savantsyndroms. Die wenigsten Autisten sind aber Savants.

Interessanterweise sind aber etwa die Hälfte der Savants auch Autisten.

 

Aussage:

Du/Ihr seht ja garnicht autistisch aus.

Antwort:

Ach ja? Wie sind denn aktuell die optischen Diagnosekriterien?

(Das ist eine meiner Lieblingsfragen. Das irritierte Gesicht auf diese Antwort erkenn sogar ich 😀 )

 

Das Impfen ist Schuld:

Hier seh ich dann ab und an doch schonmal rot (RW) Ein sehr hartnäckiges Gerücht, welches die Gesundheit von sehr vielen Menschen gefährdet.

Als Beweis für diese Theorie wird oft auf die 1998 publizierte Studie von Andrew Wakefield verwiesen. Der „Wissenschaftler“ untersuchte 12! (zwölf!!) Kinder im Zusammenhang mit der MMR-Impfung. Man fand herraus, dass Wakefield von Anwälten, die Eltern von Autisten vertraten, Bestechungsgelder erhielt, damit diese einen Schuldigen (die böse Pharma…) gewinnbringend verklagen können. Auch meldete er einen eigenen Impfstoff noch vor beginn der Studie zum Patent an. Wer jetzt einen Zusammenhang findet, darf ihn behalten 😉

Seriösere Studien, denen mehrere hunderttausend Datensätze und Probanten zur Verfügung standen, konnten  keinen Zusammenhang feststellen.

Dennoch hält sich das Gerücht sehr hartnäckig.

Was bei mir persönlich einen sehr bitteren Beigeschmack an diesem Nichtimpfargument hinterlässt, ist die Tatsache, dass manche Eltern im schlimmsten Fall wohl lieber ein totes, als ein autistisches Kind hätten.

 

 

 

 

 

Lieblingsmenschen

Sehr oft mache ich mir Gedanken über Freundschaft. Vor allem dann, wenn ich mal wieder nicht in der Lage war, eine zu halten. Noch vor wenigen Jahren sind mir immer wieder Freundschaften abhanden gekommen und ich wusste nicht, wieso. Heute versteh ich das Konstrukt „Freundschaft“ zwar noch immer nicht in all seinen Facetten, aber auch ich lerne dazu und mein Verständnis dafür wächst…. langsam, aber stetig.

Ich hab leider festgestellt, dass oftmals ich selbst diejenige war, die ihre Freunde vertrieben hat. Ich kann den (unausgesprochenen) Bedürfnissen meiner Mitmenschen nur sehr selten gerecht werden.

Da ist zum einen die bereits beschriebene Unfähigkeit zu affektiver Empathie. Alleine das trägt ja schon verdammt schwer. Klar logisch haben meine Freunde das Gefühl, sie interessieren mich nicht, wenn ich nicht mal erkennen kann, wie es ihnen geht.

Zum zweiten bin ich mir nie sicher, ob sich jemand gerade gerne mit mir unterhält oder dies nur tut, weil es die Höflichkeit eben so verlangt. Wenn ich mal in Fahrt bin, kann ich jemandem schon mal eine (O-Ton eines Lieblingsmenschen) Frikadelle ans Ohr quatschen.

Auch weiß ich von anderen, dass telefonieren ohne erkennbaren Anlass extrem wichtig ist. Mich verunsichert das sehr und es kostet sehr viel Überwindung. Das liegt NICHT an den Angerufenen, sondern einfach an der Situation an sich. Telefonate, gerade solchen, ohne erkennbaren Anlass, sind nicht planbar und emotionen erkennen funktioniert noch schlechter als mit dazugehörigem Gesicht. Muss ich mit einer Behörde telefonieren, hab ich gedanklich alles mehrfach durchgespielt und dennoch dauert es manchmal Wochen, bis ich in der Lage dazu bin. Gerade deshalb fällt mir letzteres oft wesentlich leichter. Bei der Gelegenheit möcht ich den Erfindern von E-Mail und Messengern meine ehrliche Dankbarkeit aussprechen.

Was für mich selbst immer sofort eine Freundschschaft infrage stellt ist, wenn ich das Gefühl habe, nicht Ernst genommen zu werden und mir jemand erzählen will, was ich empfinde und wahrnehme. Glücklicherweise gibt es auch Menschen, die dies nie getan haben. Da ich weiß, dass einige wenige meiner Lieblingsmenschen hier mitlesen….DANKE, dass es euch gibt und ihr meine Freunde seid, OBWOHL ihr mich kennt.

Vielleicht sollte ich auch nicht unerwähnt lassen, dass ich ein sehr pedantischer, prinzipientreuer und rechthaberischer Mensch bin, dem es oft schwer fällt, seine Impulse zu kontrollieren. Ich geb mir Mühe, aber leider klappt es nicht immer, diesen Charakterzug einzubremsen. Allerdings finde ich, dass es seit der Erkenntnis langsam besser wird.

Da war er nun, der lang herbei gesehnte Tag.

schon eine Weile war klar, dass ich meine ADHS-Diagnose aktualisieren muss. Die vorhandene wird schon bald volljährig und so wollte ich gleich die sprichwörtlichen Nägel mit Köpfen machen und aus der Verdachtsdiagnose ASS, bei der Gelegenheit, gleich eine „richtige“ machen.

Dazu hab ich mich schon vor längerem in einer psychiatrischen Ambulanz beworben und um Abklärung gebeten. Ich hab der Dame erzählt, dass meine Konzentration und Kompensationsfähigkeit momentan wieder absolut  furchtbar sind. Das ganze sogar telefonisch. Wer mich kennt weiß, dass schon verdammt viel Leidensdruck dazugehört, bis ich mit fremden Menschen telefoniere. Man war aber sehr freundlich zu mir, hat mir den Ablauf erklärt……. Und um viel Geduld gebeten. Nunja, Geduld ist jetzt nicht gerade eine meiner Stärken, aber ich war ja darauf vorbereitet. Man rechnete mit Februar -März.

Als vergangenen Dienstag dann der Anruf kam, man könne mir direkt für heute einen Termin anbieten, wusste ich ehrlich gesagt erst nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

Da war er nun. Dieser Tag. Herbeigesehnt und doch beängstigend. In dieser Woche war ich noch viel nervöser als sonst, ich schlief schlecht. Schlafen ist bei mir ja oft eh so eine Sache, die nicht ganz ideal läuft

Heute Morgen hab ich um 4.30 Uhr dann beschlossen, es einfach sein zu lassen. Hab mir einen großen Kaffee gemacht, mir Papier und Stift geschnappt und begann meine Gedanke zu ordnen.

Was möcht ich sagen….. Was lieber nicht….Offensiv? Passiv? Einen „Fahrplan“ durch das Gespräch. Ich brauch dieses Gefühl der Kontrolle. Zu wissen, was kommt.

 

9 Uhr

Da sitz ich nun, in einem kleinen gemütlichen Büro. Mir gegenüber eine sympathische Frau in etwa meinem Alter. Mein Block mit dem „Fahrplan“ fest in der Hand.

„Hallo Frau *Oxymoronchen*. Schön, dass sie da sind. Wie darf ich ihnen helfen?“

Ich bekomme keinen Ton heraus. Schon merk ich wie mein Hals von innen schwillt. Momente später… immernoch stumm, aber bereits in Tränen ausgebrochen… Sie reicht mir Taschentücher, schaut eine Weile geduldig zu wie ich mich langsam wieder beruhige. Wir kommen ins Gespräch. Ich entschuldige mich gefühlte tausend mal für meinen Gefühlsausbruch. Es ist mir unangenehm. Ich weine normalerweise nicht (nicht, dass es keine Gründe dafür gäbe….) solche Emotionen bleiben normalerweise in mir drin.

Das Gespräch kommt in Gang. Sie hört zu und stellt ihre Fragen. Es läuft gut, ich fühl mich ernstgenommen und bin froh, nicht doch noch kurzfristig abgesagt zu haben.

 

Als ich die Ambulanz verlasse, war ich mental am Ende und fühlte mich außer Stande, Auto zu fahren. Ich fahre eigentlich viel und gerne. So lief ich noch gute zwei Stunden durch die Stadt, um mich ein wenig zu sortieren….. Nicht besonders erfolgreich.

Ich bin irritiert. Der Termin lief sehr gut. Man nahm mich Ernst und versicherte mir, mir zu helfen und mich zu unterstützen. Dennoch fühl ich mich, als wäre ich körperlich und geistig, Marathon gelaufen. der Tag ist durch.

 

 

Gastbeitrag: Die Sicht einer NT Mutter

Neulich fragte oximoronchen in einem Forum, wie denn die NT – also die neurotypischen – Leser der bunt gemischten Gruppe die Autisten wahrnehmen würden.

Recht spontan kam mir folgender Gedankengang, den ich hier gerne beitrage.

Wie nehme ich Autisten wahr?

Ich bin Mutter, NT (denke ich), mit Aspi Kind 1 (14 Jahre alt), Verdachts-Aspi Kind 2 (12 Jahre alt) und (ziemlich sicher) NT-Kind 3 (8 Jahre alt) plus (NT??) Mann.

Das Gerade-Aus Denken der Aspies erscheint mir mitunter als ‚um die Ecke‘ Denken. Dabei ist es eigentlich umgekehrt. Je mehr ich mich drauf einlasse, desto besser verstehe ich es und merke, wie inkonsistent wir NT’s eigentlich sind. Es liegt eine grosse Wahrheit darin, wie ihr die Welt seht.

Ich merke, wie schwierig es ist, diese Besonderheit anderen, den Menschen in unserem Umfeld, wirklich klar zu machen.
Ich selbst habe die Diagnose von Kind 1, die erst vor 15 Monaten gestellt wurde, anfangs sehr locker genommen, im Sinne von „Aha, Asperger“ *label* so wie man sagen würde „Aha, Lungenentzündung“ und so wie danach kommt „das wird schon wieder“.

Man beginnt zu lesen und sich damit zu beschäftigen. Und je mehr man lernt, je mehr man sich involviert, desto mehr wird klar: die Tragweite ist ja

u n g l a u b l i c h !

Ich bin eine, die viel liest und fragt und recherchiert. Und ich habe das Gefühl, es eröffnet sich mir erst, ich beginne erst zu verstehen, gaaaaaanz langsam.

Ich versuche auch, diesen Prozess, den ich für mich wie eine Evolution erlebe, auch für andere NT’s sichtbar zu machen. Ich will, dass sie dieses „Label“ (was nur wenig bis gar nicht Involvierte mit Sicherheit aufkleben) ernst nehmen.

Ich erzähle z.B. der Klassenlehrerin häppchenweise kleine, scheinbar unbedeutende Vorkommnisse, so dass sie erkennt. Langsam.

Es tut mir weh, wenn ich sehe, wie die Nachbarn (wir wohnen auf’m Dorf) auf der Strasse sich innerlich empören, weil das Kind nicht grüsst.  Mit seinem Alter, wo ist die Erziehung…?

Weil es sich auf sich selbst und den Weg konzentriert. Weil es alles „unnötige“ ausblendet, um normal vorwärts zu kommen und anzukommen. Dabei wissen sie eigentlich, dass es ein Liebes ist. Man kennt sich seit es geboren wurde.

Aber ich kann ja nicht zu jedem hinrennen und vom Autismus Spektrum erzählen. Es passt einfach nicht. Es gehört in dem Moment nicht an diesem Platz, das zu äussern.

Dann rede ich oft von Wahrnehmung, in seiner Welt sein, herumstudieren über die Probleme der Welt, was es blind macht für ein Lächeln und einen Gruss.

Wie ihr seht, habe ich wohl schon den Platz auf dem Stuhl zwischen den Welten eingenommen.

Ich möchte gerne durch „eure“ Gedankenbilder, Alltagssituationen lesen und kennenlernen.

Schöne Momente waren es,

  • wie mein Aspie den „Schattenspringer“ Comics griff, den ich wie beiläufig „platziert“ hatte,
  • wie es ihn bis zu Ende gelesen hat (es liesst schnell und liest nur fertig, was für interessant befunden wird),
  • wie es das Buch *wieder* nahm und *wieder* zu Ende gelesen hat,
  • wie es sich zu mir gesetzt hat, als *ich* endlich dazu kam, es zu lesen,
  • wie es mir synchron Kommentare machte „ah ja, *das* fand ich auch blöd“ oder „ja, genau so geht es mir auch“,
  • wie mir das seine Welt erschloss, Stück für Stück,
  • wie es ihm hilft, dass es erkannt wird,
  • wie es deshalb wieder lachen und froh sein kann,
  • wie es, trotz eines voll verkackten Schuljahres mit allen Tiefen (ohne Höhen), trotzdem wirklich gern zu der gleichen Schule geht (oder gerade deshalb…?),
  • wie es dadurch befähigt wird, so zu sein wie es ist und trotzdem Teil des Ganzen zu sein, weil seine Mitschüler es akzeptieren und die Lehrer ihr Bestes geben.

Ich will mich darauf nicht ausruhen, sondern nie aufhören, alle Seiten zu sehen.

Wie nehme ich „euch“ wahr?

Als extrem integere Menschen. Interessant. Als Herausforderung an „unsere“ Werte. Als Mittler, uns alle auf einen anderen Weg zu bringen.

Klingt das jetzt zu pathetisch? Bitte entschuldigt, aber ich meine es so.

Eure Änätä

Leider hat sich mir noch nicht erschlossen, wie ich Gastbeiträge kommentieren kann, darum tu ich das hier 😃

Es freut mich sehr, dich als Gast in meinem Blog zu haben und ich danke dir sehr, dass du mich (uns) an deiner Perspektive teilhaben lässt.

Oxymoronchen

Stimming

und warum es so wichtig ist.

 

Ich habe kürzlich in einer Elterngruppe die Frage gestellt, wie uns NTs wahrnehmen und ob es spezielle Dinge gibt, die sie gerne besser verstehen würden. Manche Antwort ließ mich nachdenklich werden. Nach und nach werde ich versuchen, die Themen aufzugreifen und sofern meine eigene Reflexion dies zulässt, sie zu erklären.

 

Als erstes möchte ich gerne Erklären, was Stimming ist und wozu wir es gebrauchen.

Bei Stimming handelt es sich um selbststimulierendes Verhalten, welches dem Druckabbau dient. Dies kann alles mögliche sein. Angefangen beim schaukeln, Hände reiben/flattern über das Nägelkauen, aber auch Zehen rollen oder Haut zupfen. Eins haben alle gemeinsam. Sie helfen und dabei, Eindrücke zu verarbeiten und Druck abzubauen. Man kann es wohl mit einer Art Überdruckventil vergleichen.

Ganz lange hab ich an meinen Fingernägeln gekaut. Oft so sehr, dass mein Nagelbett geblutet hat. Mir war bis vor kurzem nicht klar, dass ich dies tat um mich zu spüren. Es hat mich geerdet und war quasi mein Ventil, wenn mich die Eindrücke mal wieder zu erschlagen drohten und ich mich selbst spüren musste. Es hat sehr lange gedauert, bis mir bewusst wurde, wieso ich das eigentlich tat. Laut meinem Umfeld war es halt einfach eine dumme Angewohnheit, die man sich abgewöhnen muss…….und überhaupt, wie sieht das aus? Eine Frau mit abgekauten Fingernägeln…. Ich hab das so hingenommen.

Heute? Rolle ich meine Zehen und überstrecke sie dabei stark. Manchmal schaukel ich auch mein Becken oder zupfe an meinen Wimpern. Fällt nicht ganz so auf, ist aber genauso effektiv und hat den positiven Nebeneffekt, dass mich keiner nervt.

Ich habe nach wie vor kein gutes Gespür für mich selbst (es wird aber immer besser), aber ich möchte dennoch versuchen, das ganze aus der inneren Sicht zu erklären:

Oft bin ich so voller Eindrücke, Emotionen und auch Unsicherheit, das ich das Gefühl habe, ich müsste davon überlaufen. Hab ich allgemein schon keine gute Beziehung zu meinem inneren Ich, drohe ich in solchen Situationen sie komplett zu verlieren. Die Stimmings helfen mir in solchen Situationen, wieder Stück für Stück die Kontrolle über mich zurück zu bekommen. sind keine Stimmings möglich, kann es also durchaus passieren, dass sich die ganze Sache per Explosion entläd. Sie sind sehr wichtig für mich, den sie helfen mir kurz gesagt schlicht, mich zu regulieren.